
|

Skandal im Weinregal
Deutscher Wein muß in derartigen Mengen anfallen, daß es schon nicht mehr möglich ist, die elende Brühe einfach wegzukippen oder gar zu verhökern. Die Industrie bemüht sich
angesichts knappen Lagerraumes anscheinend schon seit geraumer Zeit um Abhilfe und versucht unter Aufbietung einer irrsinigen Marketingmaschine, die Überproduktion in Form von weinähnlichen und weinverwandten Produkten dezentral durch den
Verbraucher entsorgen zu lassen.
Neulich machte ich Bekanntschaft mit einem ganz und gar ungenießbarem Gesöff, das durch einen Mädchen-Kaufrausch in unseren Haushalt gelangt ist. Es handelte sich dabei um die Substanzwerdung des schier Ungenießbaren. Ausgestattet
war die Pulle mit einem coolen Etikett aus transparenter PVC-Folie, sowie einem Umhänge-Faltheftchen, daß vor hippem Vokabular und Gewinnspielen für Trendartikel nur so strotzte. Der Name ist mir leider entfallen, war aber irgendwo
zwischen Trend, Cool und Super angesiedelt. Um den Etiketten-Vorschlägen der Design-Abteilung gerecht zu werden, entschied man sich, der Flüssigkeit eine interessante grüne Farbe zu verleihen. Respekt!
Gemeinhin erwirbt der Trinker seinen Stoff aber nicht zum Angucken, sondern um breit zu werden oder auch wegen des Geschmacks. "Ha! Mit mir nicht", stieß die ohne Übertreibung nicht Getränk nennbare Plörre meiner Nase
entgegen. Und wirklich: Der Geschmack hielt, was der Geruch' bereits versprach. Nach dem Studium des Whisky- und Weinkenner-Vokabulars, sowie als eifriger Verwender diverser Haushaltsreiniger ist es mir nun möglich, die geschmackliche
Belästigung in Worte zu fassen. Zunächst sei die Grundnote genannt. Diese bewegt sich irgendwo zwischen modriger Zitrone und stumpfer Spätlese. Nach einer gewaltigen Explosion zitronesker Aromen im Ansatz folgt dumpf ein schaler
Altwein-Abgang, der sich bleischwer über den gesamten Mund- und Rachenraum legt und dem Magen auf diese Weise vom weiteren Konsum abrät. Geruchlicherseits wäre eine Verschmelzung mit JA-Geschirrspülmittel 'Apfel' anzuraten, denn die
vorherrschende Glasreiniger-'Zitrone' Note ist in Verbindung mit dem schalen Weinaroma schlicht brechreizerregend. Der geübte Riecher vermag auch noch einen leichten Eigengeruch des grünen Farbstoffes feststellen.
Wie würden Marketingstrategen die Käufergruppe dieses Produktes definieren? Geld wie Heu, und eigentlich gar keinen Durst auf alkoholische Getränke.
Berliner Weiße mit Waldmeistersirup, Bier mit Cola, Weizen mit Bananensaft, Amaretto mit Kirschsaft und das alles zusammengekippt, so ist diese leckere Weinspezialität.
Wem das wirklich schmeckt, sollte sich eine Magnumflasche Kellergeister kaufen, und seinen Freunden als Jahrhundertwein präsentieren.
zurück zur Archivübersicht
|
|

|