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 Kranksein darf sich nicht mehr lohnen
Die Auswirkungen des Kostendämpfungsgesetzes werden vor allem in den Krankenhäusern spürbar. Die Zahl der Krankenschwestern wurde drastisch reduziert bzw. ganz gestrichen. Das Ärzteteam,
das sonst aus verschiedenen Fachärzten bestand, wurde auf ein Minimum gebracht. Die fehlenden Spezialisten wurden durch eine umfangreiche Fachbibliothek ersetzt, die den Ärztekollegen bei Problemfällen entsprechende Hilfe bietet. Ein
normaler Tag, sonst eher durch Langeweile bzw. durch Schlafen-Essen-Besuch-Schlafen-Essen-usw. gekennzeichet, sieht heutzutage für den Patienten so aus:
5.30 Uhr: Der Wecker läutet. Patienten, die gehfähig sind, widmen sich ihrer Hygiene und kümmern sich im Anschluß um ihre Mitpatienten. Bettlägerige Patienten werden von den anderen gewaschen und angekleidet. Dann werden
die Betten frisch bezogen und die Zimmer aufgeräumt.
6.15 Uhr: Das Frühstück wird von einer wöchentlich neu bestimmten Patienten-Gruppe zubereitet und auf die Zimmer gebracht. Bohnenkaffee, Brötchen, Butter sowie Wurst und Käse sind Extras, die entweder bezahlt oder von
Angehörigen der Patienten mitgebracht werden. Das Standard-Frühstück besteht aus 2 Scheiben Brot, Margarine, Fruchtaufstrich sowie Tee oder Wasser (Produkte von Aldi oder einem anderen Discounter).
7.00 Uhr: Abräumen und gleichzeitig Verteilung der Medikamente (Wochenration - Einteilung liegt bei den Patienten).
7.15 Uhr: Jeder wird entsprechend seinen Fähigkeiten und seiner gesundheitlichen Verfassung zur Arbeit herangezogen. Reinigen der Krankenhausräume, Einkauf von Lebensmitteln, Vorbereiten der Operationsräume, Versorgung der
pflegebedürftigen Mitpatienten sind Tätigkeiten, die der körperlichen Ertüchtigung dienen und den sozialen Teamgeist stützen.
10.00 Uhr: Die Gruppe, die für das Mittagessen zuständig ist (wöchentliche Einteilung), beginnt mit den Vorbereitungen. Ein anderer Teil ist für die Assistenz bei den Operationen zugeteilt. Reichen der Instrumente,
Überwachen der Apparaturen sowie die Schlußhandlungen (z. B. Wundnaht, Überprüfen der Vitalfunktionen) werden nach kurzer Einarbeitungsphase selbständig durchgeführt.
12.00 Uhr: Verteilen des Mittagessens (s. o.). Für Sonderwünsche wie Diät, Schonkost, fleischlose Menues gelten dieselben Bestimmungen wie beim Frühstück. Standard ist: zwei Scheiben Brot, variierende Eierspeisen,
Gemüsebrühe.
13.00 Uhr: Wie 7.00 Uhr bzw. 7.15 Uhr.
15.00 Uhr: Besuchszeit: Die Besucher werden gebeten, täglich frische Handtücher und Bettwäsche mitzubringen sowie durch Lebensmittelpakete die persönlichen Wünsche der Patienten zu erfüllen. Die gereinigten
Handtücher und Bettwäsche werden beim Eingang abgegeben.
16.00 Uhr: Ende der Besuchszeit und Visite: Alle Patienten, die eine Frage an die behandelnden Ärzte haben, werden gebeten, diese leserlich und klar formuliert aufzuschreiben und in den dafür vorgesehenen Behälter zu werfen.
Während jeder Visitestunde im Ärztezimmer werden 10 Anfragen gezogen und von den Ärzten beantwortet. Voraussetzung ist jedoch, daß der Patient anwesend ist und sich im Flur vor dem Ärztezimmer aufhält. Vertretungen
können nicht geschickt werden!
17.00 Uhr : Vorbereitungen fürs Abendessen (Einteilung wie Frühstück und Mittagessen).
18.00 Uhr : Abendessen: Auch hier werden Extras wie bereits erwähnt gehandhabt. Standard: Resteverwertung von Frühstück und Mittagessen in wechselnder Kombination.
19.00 Uhr : Zapfenstreich. Sämtliche Lichter werden aus Energiespargründen gelöscht. Mitgebrachte Taschenlampen und Akkulampen dürfen benutzt werden. Das Aufstellen von Kerzen ist wegen Brandgefahr nicht gestattet. Elektrische
Geräte wie Herz-Lungen-Maschine, Monitore usw. werden in Takt geschaltet. Je nach Gesundheitszustand des Patienten von 5 zu 5 (5 Sekunden aus; 5 Sekunden an) bis 60 zu 5.
In dringenden Fällen sind die Ärzte unter den angegebenen Notrufnummern zu erreichen. Wir bitten jedoch, diese wirklich nur dann zu benutzen, wenn a) keiner Ihrer Mitpatienten Ihnen helfen kann b) Sie sicher sind, daß Ihnen überhaupt
noch zu helfen ist c) Sie sofort entlassen werden möchten
Es kann aber sein, daß Sie trotzdem keinen Arzt bekommen. Dieser befindet sich entweder auf dem Golfplatz und ist telefonisch nicht erreichbar, oder er geht einem von seinen Nebenjobs nach, um endlich seine Privatpraxis finanzieren zu können.
In diesem Falle wünschen wir Ihnen viel Glück!
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Autor:
G. Walitzek 
am: 03.10.00
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