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Zwischen Teppichland und Gardinenwelt

An irgendjemanden da draußen!  HILFE!!
Ich schreibe auf dem einzigen Stück Papier, das es hier gibt. Ansonsten überall nur Dosen, Gläser und Tuben. Sie halten mich gefangen in der Konservenabteilung. Sie verhöhnen mich mit ihren stummen, entkernten Blicken: Senfgurken, Brechbohnen und Dillscheiben. Sie haben sich verschanzt in Büchsen und Minifässern der Firmen Konfilux, Valfrutta und Frieda Frenzel. Ihre geschälten Fratzen verfolgen mich bei jeder Bewegung, bei jedem Gedanken. Sie nennen sich Rotessa, Mildessa oder Schlemmertöpfchen, doch im Grunde ihrer fruchtigen Leiber und Artischockenherzen sind sie alle gleich - böse.
Sie verbieten mir jeden Kontakt zur Aussenwelt. Wenn junge, gutaussehende Kunden die Abteilung betreten, habe ich keine Möglichkeit sie anzusprechen, denn immer will irgendein Regal aufgefüllt, will irgendeine Palette eingeräumt werden...natürlich rein zufällig. Wenn die jungen Erbsen sich mit den feinen Möhrchen vergnügen, denn nur um mich an mein nicht vorhandenes Sexualleben zu erinnern. Ob die weiße Bohnen mit dem Suppengrün, oder die wilden Orgien im Mixed-Pickles-Glas -immer ist es meine eigene Kontaktarmut, die sie mir vor Augen führen. Wieder und wieder...
Und sie sind wütend!
Wir haben sie gerupft, geviertelt und gewürfelt. Wir haben sie in Scheiben geschnitten, geraspelt und püriert. Jetzt sammeln sie sich zum Kampf. Sie scharen Verbündete aus allen Agrarkulturen der Welt um sich. Söldner wie Djuvec und Ajvar, Spargelstangen Geisha oder Original Letscho aus Ungarn.
Valenzi-EtikettDer einzige Lichtblick inmitten dieser martialischen Speisen ist ein kleine Regal mit Kulturpreiselbeeren. Ein scheues Rehlein ist vorne auf dem wohlgeformten Gläschen drauf, und angereichert ist dieser liebe Leckerbissen mit reinem Kristallzucker... Möge das kleine Valenzi-Rehkitz auf mich achtgeben und schützend seine Pfötchen über mich halten, wenn kriegerische Mungobohnenkeime eines Tages zum Kampf blasen mich zu entsaften.

 
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Autor:
Mutter Tim
am: 14.08.00
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